Francis Bacon

englischer Philosoph und Staatsmann, * London 22. 1. 1561, + ebenda 9. 4. 1626; Advokat, wurde 1618 Lordkanzler und Baron von Verulam, 1620/21 Viscount of Saint Albans. Er verlor seine öffentlichen Ämter 1621 wegen einer BestechungsaffĂ€re.

Ziel seiner philosophischen BemĂŒhungen war die »Instauratio magna«, die große Erneuerung der Philosophie und der Wissenschaften auf der Grundlage »unverfĂ€lschter Erfahrung« (Beobachtung und Experiment), in der er die einzig sichere Quelle des Wissens sah. Mit dieser Ablösung der klassischen Methode der Spekulation durch die Empirie wurde Bacon zum Wegbereiter der Naturwissenschaften und VorlĂ€ufer des englischen Empirismus. In seinem »Novum organum scientiarum«, welches die unter dem Titel »Organon« zusammengefassten logisch-wissenschaftstheoretischen Schriften des Aristoteles ablösen sollte, beschrieb Bacon ein differenziertes Verfahren der Induktion und entwarf eine systematische Darstellung möglicher UrteilstĂ€uschungen durch Trugbilder (so genannte Idole). Zweck der Naturerkenntnis ist die Beherrschung der Natur und ihre Nutzbarmachung zur Vervollkommnung der Kultur. Sein utopischer Roman »Nova Atlantis« schildert einen auf diesem Weg entworfenen technisch perfekten Zukunftsstaat. Von Bacons literarischen Werken sind die von Montaigne angeregten Essays von besonderer Bedeutung: zehn in der ersten (1597), 58 in der letzten Ausgabe (1625). Bacon gibt in diesen »hingeworfenen Betrachtungen« (dispersed meditations) eine Darstellung praktischer Lebensweisheit auf den verschiedensten Gebieten und allgemeine LeitsĂ€tze der LebensfĂŒhrung. In der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts galt Bacon teilweise auch als Verfasser der shakespeareschen Dramen (Bacontheorie ).

Die juristischen Schriften zeugen von ĂŒberlegener Beherrschung der Materie. Der Plan, das englische Recht seiner Zeit zu kodifizieren, gelang Bacon nicht. -Werke: The advancement of learning (1605, umgearbeitet als: De dignitate et augmentis scientiarum, 1623; deutsch Über die WĂŒrde und den Fortgang der Wissenschaften); Cogitata et visa (1612, umgearbeitet als Novum organon scientiarum, 1620; deutsch u. a. als Neues Organ der Wissenschaften); The essays or counsels, civil and moral (1597, 31612, Nachdruck 1971; deutsche Ausgabe der Essays in der Fassung von 1612); Nova Atlantis (1627, herausgegeben von C. G. Moore Smith; deutsch u. a. als Neu-Atlantis); Maxims of the law (1630). Gesamtausgabe: The works of F. Bacon, herausgegeben von J. Spedding u. a., 14 BĂ€nde (1857-74, Neudruck 1963).

 (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001

 

Bacon:
Wissen ist Mach
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 Francis Bacon gilt als Vater der modernen naturwissenschaftlich-technischen Forschung. Im Hauptberuf war er allerdings Politiker, und aus politischem Denken heraus suchte er nach Chancen, den Wohlstand durch organisierte Forschung zu heben. In solchen FĂ€llen sind metaphysische Spekulationen eher hinderlich. Er war Jurist, wurde Abgeordneter im englischen Unterhaus, Großsiegelbewahrer und schließlich Lordkanzler unter König James I.. Bacons politische Karriere endete wegen eines Korruptionsskandals 1621. Seinem einflussreichsten Werk gab er den Titel »Neues Organum«, womit er es ausdrĂŒcklich in Gegensatz zu den logischen und wissenschaftstheoretischen Schriften des Aristoteles setzte, die - neben »Logik« oder »Dialektik« - als »Organon« bezeichnet wurden, weil sie gleichsam das »Organ« der Wissenschaften waren. Der Fehler der aristotelischen Wissenschaft bestand fĂŒr Bacon darin, dass aus den die Natur beschreibenden Begriffen voreilig Definitionen und Theorien abgeleitet werden, die dann wieder auf die wahrnehmbaren Dinge angewandt werden, ohne dass ihre Sachhaltigkeit noch kontrolliert werden kann. Auf diese Weise entsteht eine »Welt aus Kategorien«. Stattdessen soll sich die wahre Philosophie nicht allein oder vorwiegend auf die Kraft des Intellekts verlassen, sondern den Stoff der Naturgeschichte und der Experimente im Intellekt umwandeln und ihm unterwerfen.

Zugriff auf die Natur ist Bacons erklĂ€rtes Ziel. Nur kann der nicht gelingen, wenn nicht die wahren Prinzipien der Natur bekannt sind. Zuerst muss man sich also klar machen, dass man nicht - wie die Aristoteliker - deduktiv verfahren kann, indem man allgemeine Prinzipien wie »Substanz« auf die Seinsart der Dinge anwendet, sondern man muss empirisch von den Sinneswahrnehmungen schrittweise zu immer allgemeineren SĂ€tzen aufsteigen. Hier liegt die Bedeutung des bei Bacon zentralen Begriffes der Induktion: Durch »Antizipation« verschafft sich der Mensch nur vorlĂ€ufige Begriffe beziehungsweise Hypothesen, die genaue Untersuchung aber fĂŒhrt zur »Interpretation« der Natur.

Durch diese Auslegung (Hermeneutik) der Natur gelangt fĂŒr ihn der Verstand zu denselben Prinzipien, aus denen die Dinge real bestehen. Dann allerdings kann man sie auch verĂ€ndern, indem man ihre körperlichen Bedingungen - und zu nichts anderem haben wir Zugang, jedenfalls nicht zu (vermeintlichen) Seelen oder Geistern - verschiebt. Will jemand zum Beispiel Gold machen, hohes Ziel aller Alchimisten (nicht bloß des Geldes wegen, sondern wegen dessen symbolischen Wertes und Ranges in der Natur), dann darf man nicht spekulieren, sondern man muss nur genau wissen, was die sinnlich-materiellen Eigenschaftes des Edelmetalls sind: Farbe, Gewicht, Konsistenz und so weiter. Wenn es nun gelingt, exakt diese Eigenschaften einem anderen Material beizubringen, dann (und nur dann) kann man Gold machen. Alchimie wird Empirie, und Philosophie wird Technik.

Dementsprechend muss philosophische Forschung Vorbereitung technischer Handlungsanleitung sein, und wahre Naturerkenntnis ist »kontemplativ und aktiv« zugleich. Hier liegt der Sinn der berĂŒhmten Parole seiner Philosophie: »Wissen ist Macht«. Bacon hat es allerdings vorsichtiger formuliert: »Wissenschaft und menschliche Potenz kommen insofern zusammen, als Unkenntnis der Ursache die Wirkung zunichte macht.« Die erkannte Ursache einer Wirkung ist Voraussetzung dafĂŒr, WirkzusammenhĂ€nge auch vorsĂ€tzlich hervorzubringen, denn »was in der wissenschaftlichen Betrachtung die Ursache ist, gilt bei der Herstellung als Regel«, und: »Die Natur wird nur durch Gehorsam gebĂ€ndigt.«

Der menschliche Verstand muss sich allein schon deshalb der Natur unterwerfen, weil - wie die bisherigen Wissenschaften zeigen - die »SubtilitĂ€t« der Natur, das heißt ihre komplexe innere Struktur, die unserer Sinne und des Verstandes weit ĂŒbersteigen. Gelingt das, dann allerdings wird Wissenschaft nicht allein ein Instrument der Technik, sondern auch der politisch-wirtschaftlichen Macht. Bacon gibt sich hier als bewusster Erbe der humanistischen Tradition, die in der Erkenntnis der Welt und des Menschen dessen Angleichung an den Schöpfergott sah.

Die empirischen Forschungen beziehungsweise Experimente sind, sofern sie zu Erfahrungen fĂŒhren, deren Bedingungen planvoll aufgestellt wurden, sind demnach das Hauptanliegen der Philosophie. Da ihr bisheriger Fehler im unsystematischen Sammeln und Abstrahieren bestand, gibt Bacon Regeln der induktiven Forschung. Einerseits mĂŒssen die Fehlerquellen beim Namen genannt werden: hierzu gehören so genannte »Idola«, also Bilder, die den Geist zu falschen Auffassungen verleiten wie Vermenschlichungen, persönliche Vorlieben, der Sprachgebrauch oder Weltbilder. Andererseits sind allgemeine Regeln vonnöten, wie man zu induktiv gewonnenen empirischen Ergebnissen kommt, denn Sammeln allein genĂŒgt nicht. Deshalb schlĂ€gt Bacon eine Liste von 27 »Instanzen« vor, Beispielkategorien beziehungsweise Kriterien, nach denen die beobachteten Daten sortiert werden mĂŒssen. Ordnungsprinzip ist nicht der Inhalt des Beobachteten, sondern seine UmstĂ€nde: ob es immer oder nie, selten oder wechselnd, nĂŒtzlich oder magisch vorkommt. Folgerichtig verwendet Bacon den Begriff der Geschichte ebenfalls in rein topischem und induktivem Sinne, sodass sich Geschichte nicht wesensmĂ€ĂŸig, sondern nur nach den UmstĂ€nden der GegenstĂ€nde unterscheidet: Es gibt Naturgeschichte, wo die »Taten« der Natur und bĂŒrgerliche Geschichte, wo die Taten der Menschen gesammelt werden. Die Naturgeschichte wiederum teilt sich nach den Arten der Taten der Natur auf: die regelmĂ€ĂŸigen, die unregelmĂ€ĂŸigen (Monster) und die kĂŒnstlichen (technischen) Ereignisse. Strukturell unterscheiden sie sich nicht, weil weder die Technik der Natur etwas hinzufĂŒgt noch gegen sie arbeitet, sondern alles als Wirkungen von Prozessen aufgefasst wird.

Bacons Induktion setzt auf Masse und Fleiß. Er selbst hatte schon große Mengen natĂŒrlicher Daten zusammengestellt, und unzĂ€hlige Schriften mit Naturbeobachtungen und ErklĂ€rungshypothesen sollten in der Folgezeit erscheinen. Denn als Politiker setzte er auf die Gemeinschaft der Forscher, die die Datenmengen zusammenzutragen und fĂŒr die nötigen Experimente zu sorgen hĂ€tten. Zugleich war er sich des Kapitalbedarfs empirischer Forschungsarbeit bewusst. So wurde er zum Initiator der modernen wissenschaftlichen Akademien, die unter staatlicher (politischer und finanzieller) Obhut Projekte durchfĂŒhren. Trotz seines Unbehagens angesichts der bisherigen Philosophie ist Bacons Programm vom Glauben an den Fortschritt getragen. Deshalb gab er einer Schrift, in der er die Klassifikation der Wissenschaften vornam, den Titel »Der Fortschritt der Wissenschaften«.

Prof. Dr. Paul Richard Blum 
(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001

 

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